Das Brillenprojekt „lentes al instante“

Noch bevor ich in meinem eigentlichen Einsatzort, im Krankenhaus Camiri, angefangen habe zu arbeiten, entschied ich mich an dem 4-tägigen Workshop des Projektes „lentes al instante“ teilzunehmen. Ich hatte schon vor meinem Freiwilligendienst bei einer Veranstaltung Berichte von Vorfreiwilligen über das Projekt zu hören bekommen, welche mein Interesse geweckt hatten. Zum Verständnis hier ein paar Grundinformationen darüber.

Gründung und Motivation

Lentes al Instante gehört zu einem Projekt, welches unter dem Name „OneDollarGlasses“ oder „EinDollarBrille“ weltweit verbreitet ist und sich mitten in der Entwicklungsphase befindet. Gegründet wurde es 2012 von einem Deutschen namens Martin Aufmuth. Er wollte damals erreichen,  dass auch arme Leute Zugang zu einer Brille haben. Laut „EinDollarBrille“ bräuchten weltweit ca. 700 Millionen Menschen eine Brille, sind aber zu arm um sich eine zu leisten. In einigen Entwicklungsländern hindert dieses Problem Jugendliche und Erwachsene daran zu arbeiten und damit ein natürliches Leben zu führen. Denn ob lesen, schreiben oder praktische, handwerkliche Arbeit- mit eingeschränkter Sicht lässt sich schwer lernen und arbeiten.

Idee und Umsetzung des Vorhabens

Aufmuths Idee war es eine günstige, dennoch qualitative Brille zu entwerfen die sich auch arme Leute leisten können. Tatsächlich schaffte er es ein Brillen-Modell zu entwickeln, welches stabil und beweglich ist und zusätzlich einfach und schnell herzustellen ist.

Das Material des Brillengestells (Federstahl) ist so gewählt, dass es sich mithilfe einer tragbaren Biegmaschine (30cmx30cm groß) schnell und leicht zurechtbiegen lässt. Die Brillengläser aus Polycarbonat sind praktisch „unkaputtbar“ und lassen sich in das angefertigte Gestell leicht einsetzen und wieder rausnehmen. Mit etwas Übung und Geschick ließ sich anschließend eine EinDollarBrille innerhalb 30 min herstellen. Und die Materialkosten lagen wahrhaftig bei sage und schreibe ca. einem Dollar.

Falls ihr noch mehr über das Projekt und dessen Geschichte erfahren wollt: www.eindollarbrillle.de .

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Die Biegmaschie mit der man das Brillengestell zurecht biegt. Hier wurde uns demonstriert wie eine Brille mittlerweile innerhalb 20 min hergestellt werden kann.

 

EinDollarBrille in Bolivien: „lentes al instante“

Heute hat sich das Projekt in viele andere Länder verbreitet, unter anderem auch nach Bolivien. Der Leiter und Mitgründer unserer Partnerorganisation „Hostelling International“ (Partnerorganisation vom DRK) Max Steiner hat die Leitung des Projekts in Bolivien unter dem Namen „Lentes al Instante“ übernommen. Als Freiwillige seiner Organisation bietet er uns die Möglichkeit bei seinem Vorhaben mit tätig zu werden.    …..Uuund dazu bin ich nun nach Santa Cruz gefahren um an einem 4-tägigen Workshop teilzunehmen und anschließend an dem Projekt mitarbeiten zu können.

Optikunterricht auf Spanisch

Direkt in der ersten Woche nach unserem Aufenthalt in Sucre ging es dann für die ersten 8 Freiwilligen, darunter ich, mit dem Workshop los. Drei von den vier Tagen liefen so ab, dass wir von einem Physikprofessor die physikalischen Grundlagen der Optik beigebracht bekamen. Das überraschte uns zuerst ein bisschen, da die meisten von uns gerade so die Spanisch-Basics konnten. Mit „Hola“ oder „Que tal?“  und ein paar Vokabeln ließ sich in dem Fachunterricht leider noch nicht so viel anfangen. Obwohl ich einen schon recht großen Vokabelschatz, durch 5 Jahre Spanischunterricht hatte, fiel auch mir das Verständnis nicht so leicht. Inhaltlich wurde uns von Lichtbrechung über konvexe und konkave Brillengläser bis zu Myopie (Kurzsichtigkeit) und Hypermetropie (Weitsichtigkeit), also alles rund um die Sehtests und Augenkrankheiten, beigebracht. Mit einigen Grafiken, bildlichen Darstellungen und dann doch auch ein bisschen Praxis zwischendurch kämpften wir uns irgendwie durch.

Am vierten Tag wurde es dann spannend, denn es stand der erste Probetag mit Patienten an. Da wir am Vortag Werbeplakate für eine kostenlose Messung der Sehkraft und den anschließenden Brillenverkauf im Medizinischen Zentrum aufgehängt hatten, trudelten also die ersten Patienten ein.

Die Sehtests, die wir anschließend durchführten, waren keine medizinisch hochkomplizierten Untersuchungen. Wir kontrollierten die Sehkraft der Patienten um herauszufinden ob sie an einer potenzielle Myopie (Kursichtigkeit = Nähe scharf, Weite unscharf) oder eine Hypermetropie (Weitsichtigkeit= Weite scharf, Nähe unscharf) litten. Das war kein Kinderspiel aber interessant Stück für Stück zu erlernen. Mit unter anderem einer Sehtestschablone, Brillengläsern mit positiven und negativen Dioptrien und einem Brillengestell (versch. Größen) in dass man die Brillengläser leicht befestigen und wieder herausziehen kann, führten wir die Messung jeweils zu zweit durch.

Meine erste Kampagne

Der praktische Tag mit Patienten am Ende des Workshops war für uns quasi der erste Übungstag gewesen und diente als Einführung und Ersterfahrung im Umgang mit den Patienten und der Durchführung der Messungen. Im Vergleich dazu konnte ich in Montero (in der Nähe von Santa Cruz) in der ersten Kampagne an der ich teilnahm richtig mitarbeiten. Direkt am ersten Tag ging die Arbeit los und die ersten Patientengruppen drängelten sich vor den Eingang unseres Arbeitsraumes. Wir arbeiteten zu sechst in einem großen Raum eines  Gesundheitszentrums, in dem die Patienten drei Stationen durchliefen um ihre Brille zu erhalten. Zuerst mussten sie registriert werden, dann wurde die Messung durchgeführt und anschließend (falls die Patienten eine Brille brauchten oder man ihre Augenkrankheit überhaupt mit einer Brille behandeln konnte) wurde ihre individuelle Brille zusammengestellt (Farbe, Form, Anpassung der Größe).

Nach dem ersten Tag hatten Leoni (Mitfreiwillige aus Camiri) und ich den Ablauf der Untersuchung langsam komplett verstanden und konnten selbstständig arbeiten. Wenn man mal nicht weiterkam und Hilfe brauchte fragten wir Robert oder Patty, die zwei anderen Mitarbeiter, um ihren Rat. Denn jede Augenkrankheit mit einer Brille heilen zu können wäre utopisch. Einige Patienten litten z.B. unter einer Hornhautverkrümmung oder Cataract, dem sogenannten Grauen Star. Vor allem von Cataract waren viele alte Leute betroffen, was neben dem Alter als Risikofaktor unter anderem auch an dem mangelhaften Schutz der Augen vor der UV-strahlung der hier extrem starken Sonne liegt. Bei diesen Augenkrankheiten konnten wir den Patienten leider nicht weiterhelfen und mussten sie in diesen Fällen darüber informieren, dass nur ein Augenarzt ihre Krankheit behandeln kann.

So arbeiteten wir jeden Tag jeweils von 8Uhr bis 12Uhr und nach einer Pause von 2 Uhr bis 6 Uhr. Nach dem Arbeitstag waren wir meist total fertig aufgrund der starken Hitze und des großen Patientenansturms.

Nach der Woche war ich echt stolz darauf wie viel Arbeit wir geleistet haben, aber auch erleichtert darüber wieder zurück nach Camiri fahren zu können, um mich wieder bei uns zuhause einrichten zu können und in meinem Krankenhaus weiter Erfahrungen machen zu können. Denn im Krankenhaus gerade frisch angefangen zu haben und direkt ein komplett neues Projekt anzufangen war kein Pippifax.

Für eine neue Kampagne wäre ich später gerne nochmal bereit, jedoch ist der zukünftige Plan von Lentes al Instante eine „Minioptica“, also einen kleinen Optikladen, in Camiri zu eröffnen, in der wir vor Ort mitarbeiten können.

Wie sich meine Erfahrung mit Lentes al Instante weiter entwickelt steht also noch offen…

Da ich leider keine Bilder bei meiner Kampagne in Montero gemacht habe, hier ein paar Bilder von der Kampagne in Sopachuy mit gleichem Ablauf jedoch anderer Lokation:

 

 

 

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